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Kleine Helfer

Mikroorganismen bringen die Haut ins Gleichgewicht

Veröffentlicht am 13.11.2020

Das Haut-Mikrobiom rückt vermehrt in den Fokus der Forschung. Für die Kosmetik bedeutet dies in Zukunft ein riesiges Potential an innovativen Produkten.

 

Probiotischen Joghurt kennen Sie schon lange. Wenn Bakterien im Joghurt dafür sorgen können, dass der Magen-Darm-Trakt im Gleichgewicht bleibt, warum sollten Mikroorganismen nicht auch der Haut etwas Gutes tun können? Man hört und liest immer häufiger von Kosmetika, die das Mikrobiom positiv beeinflussen sollen. Doch was steckt genau hinter diesem Beauty-Trend?

Als Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen in und auf dem menschlichen Körper. Dazu gehört eine Vielzahl an Bakterien, Viren und Pilze, die in etwa ein bis drei Prozent des Körpergewichts eines Erwachsenen ausmachen. Aber nicht nur die Masse, auch die Identität dieser Mikroorganismen ist entscheidend für unsere Gesundheit. So leben auch auf der Haut gesundheitsrelevante Mikroorganismen, die in ihrer Gesamtheit als Haut-Mikrobiom oder Hautflora bezeichnet werden. Bei ihrer Zusammensetzung unterscheidet man kommensale und pathogene Mikroorganismen. Kommensale Mikroorganismen leben in Symbiose mit unserer Haut. Sie versorgen die Mikroorganismen mit Talg, Schweiss, abgestorbenen Hautzellen und Hautfetten. Die Kommensale schützen im Gegenzug die Haut vor schädlichen Mikroorganismen, stabilisieren den pH-Wert und stärken das Immunsystem der Haut, z. B. durch Absonderung von antibakteriellen Substanzen. Durch die so stabilisierte Hautbarriere verbessert sich sogar der Feuchtigkeitshaushalt der Haut. Pathogene Mikroorganismen können Krankheiten auslösen. Solche Opportunisten verursachen erst Probleme, wenn die Haut aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das Haut-Mikrobiom ist aber nicht auf dem gesamten Körper zu jeder Zeit identisch. Abhängig vom Mikroklima der Hautpartie, das sich aus Parametern wie dem pH-Wert, Temperatur, Feuchtigkeit und Talggehalt ergibt, variieren die vorhandenen Mikroorganismen.

Das Haut-Mikrobiom befindet sich also in einer empfindlichen Balance, die nicht nur vom Hautareal abhängt, sondern auch bei jedem Menschen verschieden ist. Es ist mit über 500 Arten von Mikroorganismen so individuell wie der eigene Fingerabdruck und erfüllt doch immer den gleichen Zweck.

Was wir heute über den Einfluss des Haut-Mikrobioms wissen: Ein intaktes Mikrobiom ist essenziell für eine gesunde Haut und beeinflusst auch deren Alterung und Aussehen. Ein ausgewogenes Haut-Mikrobiom unterstützt die Abwehr- und Regenerationsfähigkeit der Haut und wirkt als Schutzbarriere. Das Mikrobiom der Haut wird im Gegensatz zu dem des Magen-Darm-Trakts aber erst seit Kurzem erforscht. Daher sind Mikrobiom- Kosmetika noch ein schwammig definierter Bereich mit viel Potenzial. Gerät das Haut-Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, kann der Anteil schädlicher Bakterien zunehmen. Juckreiz und Rötungen können entstehen, der Hautzustand ändert sich. Aktuell wird erforscht, wie ein unausgewogenes Mikrobiom mit Hautkrankheiten zusammenhängt. Bei Hautkrankheiten wie atopischer Dermatitis, Psoriasis, Rosacea und Akne liegt ein Ungleichgewicht des Mikrobioms vor, bei dem die Hautbarriere geschwächt ist, der Haut-pH-Wert und der Wasserverlust dramatisch ansteigen. Auch schuppt sich die Haut mehr und es treten vermehrt Entzündungsreaktionen in der Haut auf. Interessanterweise zeigt die aktuelle Forschung, dass in solchen Zuständen die Diversität der Mikroorganismen kritisch ist für die Balance des Haut-Mikrobioms und die Gesundheit der Haut.

Wie kann das Haut-Mikrobiom nun durch Kosmetik unterstützt oder wieder ins Gleichgewicht gebracht werden? Verschiedene Klassen von Inhaltsstoffen, die das Mikrobiom unterstützen sollen, existieren auf dem Markt. Da die Bezeichnung bisher nicht klar definiert ist, bedient man sich der Begriffe, die in der Nahrungsmittelindustrie üblich sind.

Probiotika: Diese sind in Lebensmitteln definiert als „lebende Mikroorganismen, die, wenn sie in ausreichenden Mengen verabreicht werden, dem Wirt einen gesundheitlichen Nutzen verschaffen“.

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Nicht immer ist die Symbiose so offensichtlich: Hier suchen Madenhacker das Fell der Giraffe nach Parasiten ab. Ein Muster, das auch bei der Herstellung von Mikrobiom-Kosmetik genutzt wird – im weitesten Sinn

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Verbessert den Selbstschutz

Als probiotischer Inhaltsstoff werden z. B. lebende Lactobazillen (INCI: live Lactobacillus) verwendet. Diese sind nicht Teil des üblichen Haut-Mikrobioms, sollen aber die Produktion hauteigener antimik robieller Peptide fördern und so den Selbstschutz der Haut unterstützen. Auch Bifidus-Bakterien werden eingesetzt, um die Immunantwort der Haut zu unterstützen. Ebenso findet sich ein Mikrobiom-Kosmetikum mit Nitrosomonas eutropha auf dem Markt, das den Hautzustand in einer Studie nachweislich verbesserte.

In Kosmetika werden auch inaktivierte, nicht-lebendige Bakterien häufig als „Probiotika“ bezeichnet. Diese „toten“ Probiotika, die z. B. durch Hitze inaktiviert wurden, sind auch in manchen Mikrobiom-Kosmetika. So können die Bakterien sich im Kosmetikum und auf der Haut nicht mehr vermehren. Die Zellstruktur und die bakteriellen Faktoren bewirken auf der Haut aber noch immer immunmodulierende Aktivität und können so zur Hemmung von pathogenen Bakterien beitragen.

 

Infektionen vorbeugen

Postbiotika: In der Lebensmittelindustrie werden so Inhaltsstoffe bezeichnet, die Abbauprodukte von Bakterien enthalten. In der Kosmetik enthalten Postbiotika also all die nützlichen Inhaltstoffe, die von den Mikroorganismen synthetisiert werden, wie z. B. Hyaluronsäure, regenerationsfördernde Stoffe oder antimikrobielle Stoffe, die pathogene Keime hemmen und so Infektionen und Akne vorbeugen können.

Ein Postbiotikum auf dem Markt sind die Inhaltsstoffe von Vitreoscilla filiformis. Hier werden die Bakterien in einer nährstoffreichen Lösung vermehrt und dann durch Filtration entfernt. Solche Inhaltsstoffe tragen in den INCI „ferment“ nach der Bakterienbezeichnung, z. B. Vitreoscilla ferment.

Als Postbiotika bezeichnet man auch Lysate von probiotischen Bakterien. Diese werden hergestellt, indem Bakterienkulturen zerstört werden und so alle Inhaltsstoffe und Bruchstücke der Zellwände in der Lösung vorhanden sind. Im INCI trägt ein solcher Inhaltstoff die Bezeichnung „lysate“ nach der Bakterienbezeichnung. Einerseits haben solche Lysate Wirksamkeit auf die Hautgesundheit gezeigt (durch Erhöhung der Hautbarriere, verbesserte Hauterneuerung und Reduktion von unerwünschten Keimen). Ein solches Lysat von Lactococcus kann in Mikrobiom-Kosmetik die Hautbarriere stärken. Lysate können andererseits auch als Präbiotika wirken.

Präbiotika oder Prebiotika sind das Superfood fürs Mikrobiom. Diese Inhaltsstoffe sollen die Umwelt der Mikroorganismen positiv beeinflussen. Kosmetik mit solchen Nährstoffen wird auch als „biome friendly“ bezeichnet. Dies wird von einigen Experten als die vielversprechendste Art der Mikrobiom-Kosmetik angesehen, da sie unabhängig vom individuellen Haut-Mikrobiom ist. Ein präbiotischer Inhaltsstoff, der auf dem Markt Verwendung findet, ist beispielsweise Ectoin, es hilft, die Haut wieder in die Balance zu bringen. Milchsäure, produziert von Milchsäurebakterien, stärkt den Säureschutzmantel und hilft so dem Mikrobiom wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dies wird erfolgreich eingesetzt bei unreiner Haut und Entzündungen. Hafer-Extrakt fördert durch seine Nähreigenschaft ein robustes Mikrobiom. Zucker, wie zum Beispiel Glucane und andere Nährstoffe für das Mikrobiom können auch als Präbiotika eingesetzt werden.

Die Verarbeitung lebender Probiotika ist schwierig, da eine Balance gefunden werden muss zwischen dem Wachstum der gewünschten Mikrobiom-Bakterien und der Konservierung gegen pathogene Mikroorganismen. Die EU-Kosmetikverordnung (KVO) schreibt Richtlinien für mikrobielle Verunreinigungen vor. Wie kann die Produktsicherheit untersucht und gewährleistet werden? Dies ist für die europäischen Behörden noch eine Herausforderung.

Die Forschung in der Mikrobiom-Kosmetik ist noch am Anfang – und könnte in Zukunft personalisierte Pflegeprodukte bereitstellen

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Was kann Mikrobiom-Kosmetik?

Obwohl es wenig gesicherte wissenschaftliche Daten gibt, sind Kosmetika auf dem Markt, die mit „Verbesserung des Mikrobioms“, „Aktivierung von Bakterien“, „Schonung des Mikrobioms“ usw. werben. Mit den oben vorgestellten Inhaltsstoff-Klassen können Sie nun besser einschätzen, welches Mikrobiom-Kosmetikum mit recht hoher Wahrscheinlichkeit wirkt. Der wichtigste Schritt zu einem intakten Haut-Mikrobiom ist es, das Mikrobiom nicht zu sehr zu stören. Auch zu viel Hygiene kann hier schädlich sein, da sie den pH-Wert erhöht oder durch zu häufige Desinfektion auch hauteigene Mikroorganismen tötet. Um das Mikrobiom im Gleichgewicht zu halten, sollte also auf überflüssige Reize verzichtet werden.

Aktuelle Kosmetika zeigen, dass Probiotika auch der Haut zu einem schöneren Erscheinungsbild verhelfen (wenn auch nicht die gleichen, die man aus dem Magen-Darm-Trakt kennt). Mit Präbiotika und postbiotischen Stoffen kann man einen Zustand erschaffen, der das Haut-Mikrobiom im Gleichgewicht hält.

In Zukunft könnte aber auch personalisierte Kosmetik entwickelt werden, bei der das hauteigene Mikrobiom untersucht wird und durch Zugabe der individuell fehlenden Mikroorganismen wieder ins Gleichgewicht gebracht wird.

Auch einige derzeit erhältliche Mikrobiom-Kosmetika haben ihre Wirkung in Studien belegt. Wir dürfen uns sicherlich auf viele neue Ideen in diesem Bereich freuen.

 

 

Autorin:

Dr. Nina Balmer ist Diplom-Biochemikerin. Sie spezialisierte sich während ihrer Promotion im Bereich Biologie auf Toxikologie. Sie ist ausgebildete Fusspflegerin und bei Gustav Baehr als Regulatory Affairs and Quality Managerin u. a. für die Qualität der Produkte zuständig.

KONTAKT:

nina.balmer@gustav-baehr.de

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