FACE & BODY

Schönheit aus dem Wald

Geheimnisumwoben ist er – nicht nur in mythologischer Hinsicht: Der Wald wirkt sich positiv auf unser körperliches und seelisches Wohlbefinden aus. Aber auch unsere Haut kann von den Wirkstoffen in den Bäumen und Pflanzen profitieren.

Veröffentlicht am 26.05.2021

Der Wald gilt als Sehnsuchtslandschaft in Gedichten, Sagen und Märchen. Er riecht nach feuchter Erde, Moos und Harz und bietet im stressigen Alltag einen idealen Ort zur Regeneration. In Japan ist Waldbaden (Shinrin Yoku) sogar zu einer anerkannten Stress-Management-Methode avanciert. Darüber hinaus haben die Wälder neben den Meeren den grössten Einfluss auf unser Ökosystem. Blätter und Nadeln filtern Staub aus der Luft, über die Wurzeln und den Waldboden wird Regen gespeichert, der Wasserhaushalt reguliert und die Bäume verwandeln Kohlendioxid in Sauerstoff. Zudem bietet das Ökosystem Wald eine Heimat für mehr als 1’200 verschiedene Pflanzenarten. In vielen Pflanzen und Bäumen unserer heimischen Wälder stecken wahre Schätze für unsere Haut. Aus kosmetikwissenschaftlicher Sicht finden sich im Wald zahlreiche Power-Wirkstoffe. So ist die Rosskastanie heute bereits ein Klassiker und in einer Vielzahl von kosmetischen Produkten enthalten. Sie enthält viele Flavonoide, Cumarine, Nährstoffe und Gerbstoffe. Doch der wohl spannendste Wirkstoff ist Escin. Er zeigt ödemprotektive, entzündungshemmende und antioxidative Eigenschaften. Indikationen von Escin ausserhalb der Kosmetik sind u. a. eine chronische Venenschwäche sowie Sportverletzungen wie Hämatome oder Schwellungen. In der Kosmetik findet Escin seinen Einsatz insbesondere in Augencremes, aber auch in Cellulitecremes konnte es neben anderen Wirkstoffen seine Effektivität zeigen. Neben Escin ist das in den Blüten der Rosskastanie enthaltende Cumarin interessant für den kosmetischen Einsatz. Es wirkt antioxidativ und aufhellend. Die Cumarinverbindung Aesculin, die bereits durch den Hamburger Dermatologen Paul Unna Anfang des 20. Jahrhunderts extrahiert wurde, ist eine fluorisierende Substanz, die als Lichtschutzmittel eingesetzt wird.

 

Ein Sinnbild des Frühlings

Abgesehen von der Kastanie bietet auch die Birke einen grossen Nutzen für die Kosmetik. Das zarte Grün ihrer Blätter ist der Inbegriff des Frühlings und daher auch im Brauchtum des Maibaums fest verankert. Aber die Birke bietet viel mehr als ihr schönes Aussehen. So findet sich etwa in der Rinde der Weissstämmigen Birke (Betula alba) der Wirkstoff Betulin. Zahlreiche Studien konnten seine antientzündliche, antibakterielle, antivirale, juckreizlindernde und wundheilungsfördernde Wirkung nachweisen. Darüber hinaus ist Betulin auch aus chemischer Sicht sehr interessant, da es in der Lage ist, Pflanzenöl und Wasser zu einer Emulsion zu binden. Diese sogenannte Betulsion hat sich bei der Pflege der trockenen Haut bewährt, da sie vor einer Dehydrierung und vor einem Anstieg des transepidermalen Wasserverlustes schützen kann. Für Birkenpollenallergiker sind kosmetische Zubereitungen mit Betulin unbedenklich, da die Allergene der Birkenblüten in der Rinde nicht enthalten sind.

Auch der Lindenbaum hat eine besondere kulturelle Bedeutung. Die Linde steht für Frieden, Treue und Gerechtigkeit und findet sich in zahlreichen Liedern sowie in der Kunst – z. B. in den Bildern von Max Liebermann – wieder. Im Fokus der kosmetikwissenschaftlichen Forschung steht besonders der Extrakt der Lindenblüten, der unter anderem Wirkstoffe wie Farnesol, Glykoside, Flavonoide und Gerbstoffe enthält. Lindenblüten haben einen süsslichen Duft, weshalb sie im Bereich der Aromatherapie eingesetzt werden. Die wissenschaftliche Datenlage zum Lindenblütenextrakt ist bisher jedoch sehr gering.

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Kiefer-Extrakte stärken die Haut. Pycnogenol schützt auch vor UV-Strahlung

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Liefert nicht nur Sirup

Über eine bessere Datenlage erfreut sich hingegen der Ahorn. Weltweit gibt es über 200 Arten, die zu der Gattung «Acer» gehören. In der Schweiz sind lediglich drei Ahorne beheimatet, nämlich der Spitz-, Berg- und Feld-Ahorn. Allerdings werden in vielen Gärten auch weitere Ahorn-Sorten wie der Fächer- oder der Rot-Ahorn angepflanzt. In den Blättern des Rot-Ahorns konnte in Untersuchungen eine Vielzahl an wertvollen Wirkstoffen gefunden werden. Sie enthalten u. a. bestimmte Gerbstoffe aus der Gruppe der Gallotannine, die sowohl entzündungshemmende Eigenschaften mitbringen als auch Altersflecken entgegenwirken.

Eine 2020 veröffentlichte Studie konnte zudem nachweisen, dass die im Ahorn enthaltenen Gallotannine die Aktivität der Elastase (ein Enzym, das im Alter die vernetzten Moleküle des Proteins Elastin zerstört) hemmen und so einem Elastizitätsverlust der Haut entgegenwirken können. Eine weitere Arbeit aus diesem Jahr untersuchte ebenfalls die Anti-Aging-Wirkung von Ahorn. Eine Forschergruppe aus Korea konnte nachweisen, dass Bestandteile des Feuer-Ahorns die Kollagensynthese der Fibroblasten stimulieren und so Zeichen extrinsischer Hautalterung mindern können. Darüber hinaus finden sich im Ahorn auch Flavonoide, wie z. B. das Vetixin. Es zeigte in ersten Untersuchungen, dass es freien Radikalen entgegenwirken und so Hautzellen schützen kann.

Zum klassischen Waldbild gehört auch die Kiefer. Dieser immergrüne Baum ist äusserst robust und kann sich schwierigen Widrigkeiten anpassen. Er gilt als Nutzpflanze, da z. B. das Holz für Möbel sehr beliebt ist. Extrakte aus Kieferölen finden sich in Sauna-Aufgüssen und Badezusätzen wieder. Ein aus der Rinde der französischen Meereskiefer gewonnener Extrakt erfreut sich seit einigen Jahren in der Kosmetik grosser Beliebtheit. Pycnogenol zeigt in verschiedenen Studien, dass es die Haut stärken und sogar vor UV-Strahlen schützen kann. Dabei ist sowohl seine orale als auch topische Wirkung untersucht worden. In einer 2015 publizierten Übersichtsarbeit haben Wissenschaftler die Wirkung von Pycnogenol genauer betrachtet und sie konnten aufgrund der vorhandenen Datenlage feststellen, dass es Hyperpigmentierungen verringern und die Hautbarrierefunktion sowie die Homöostase der extrazellulären Matrix verbessern kann.

 

Ohne Moos nix los

Ein Wald ohne Moos ist in unseren Regionen nicht vorstellbar. Es speichert Wasser und gibt dies bei trockener Luft als Wasserdampf wieder ab. Auf diese Weise leistet es einen wichtigen Beitrag für das kühle und feuchte Klima in den Wäldern. Moos-Extrakte sind bereits in einigen kosmetischen Zubereitungen zu finden, die versprechen, die Haut widerstandsfähiger gegenüber Umwelteinflüssen zu machen. 2018 wurde erstmals eine Studie veröffentlicht, bei der die Wirkung von biotechnologisch produziertem Moos-Extrakt hinsichtlich seiner Wirkung auf die Haut untersucht wurde. Dieser konnte die Zellkommunikation in der Haut verbessern sowie die Homogenität, die Barrierefunktion und die Feuchtigkeit der Haut optimieren.

Auch der Farn, eine der ältesten Pflanzenarten in den Wäldern, steht im Zentrum der Forschung und könnte der neue Star in der Kosmetik werden. Darüber hinaus gibt es noch eine Vielzahl an Bäumen und Pflanzen in unseren Wäldern, die ein grosses Potenzial für die Kosmetik mitbringen. Daher lohnt es sich – auch aus kosmetikwissenschaftlicher Sicht – unsere Wälder zu schützen.

Die Anhängliche mit Wirkstoff-Power

Nicht nur die Bäume in den Wäldern enthalten wahre Schätze für die Haut. Auch die Klette hat in den letzten Jahren Einzug in die Wirkstoffwelt der Kosmetik gehalten. Der für die Kosmetikwissenschaft relevante Wirkstoff der Klette heisst Arctiin. Er wird aus der Klettenfrucht gewonnen und zeigte in ersten klinischen Untersuchungen, dass es nach einer zwölfwöchigen Applikation zu einer sichtbaren Faltenreduktion kommt.

 

 

 

 

Dr. Meike Streker ist Kosmetikwissenschaftlerin mit umfassender Erfahrung im Bereich kosmetischer und klinischer Forschung. Sie ist Dozentin am Fachbereich Kosmetikwissenschaft der Uni Hamburg und als Referentin auf Fachkongressen, Trainerin sowie Fachautorin aktiv.

Dr.Streker@web.de 

 

 

Text: Dr. Meike Streker

Fotos: stock.adobe.com (3), Meike Streker (1)

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